Alternative zu CETA & TTIP: Gemeinwohl-Ökonomie

Energiewende, Agrarwende, Verkehrswende. Als notwendig erkannt scheitern sie in konkreten Entscheidungen bislang meist daran, dass bereits der Erhalt unseres Wohlstands ohne neue Gewerbegebiete, Freihandelsabkommen und Verkehrstrassen als unmöglich gilt. Bei einem Infoabend der BN-Kreisgruppe Rosenheim stellte Bioland-Gärtner Harro Colshorn, Vorstand der „Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V“, dem herrschenden Wachstums- und Konkurrenzdenken die Idee eines ethisch-ökologischen Wirtschaftssystems entgegen.

Harro Colshorn, Vorstand der Gemeinwohl-Ökonomie Bayern

31.07.2016

Wirtschaftssystem contra Umwelt?

Alle wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl (Bayerische Verfassung, Artikel 151).

„Doch von einem fairen marktwirtschaftlichen Wettbewerb kann derzeit keine Rede sein. Je höher die ökologische und ethische Qualität der Produkte, desto geringer die Marktchancen. Gemeinwohl schädliches Verhalten wird belohnt“, fasst Colshorn die Misere der „freien Märkte“ zusammen. Tatsächlich haben unter dem Primat der „Wettbewerbsfähigkeit“ freiwillige Selbstverpflichtungen in den vergangenen Jahren in entscheidenden umweltpolitischen Themen wie Landwirtschaft, Gewerbe und Verkehr (Stichworte Artenschwund und „Flächenfraß“) die Natur zerstörenden Trends bestenfalls abgemildert. Im System der Gewinnmaximierung und des Verdrängungswettbewerbs wurden Agrarfabriken immer größer und Konzerne wie Monsanto so mächtig, dass sie nun den globalen Handel möglichst frei von demokratischer Regulierung machen wollen. Unter dem Motto „TTIP & CETA stoppen - für einen gerechten Welthandel“ haben im Oktober 250.000 Menschen in Berlin dagegen demonstriert.

Im Gegensatz zu den Wirtschafts- und Finanzministerien halten Gewerkschaften und Naturschutzverbände ein Wirtschaftssystem mit immer grenzenloserer Freiheit für Kapital-Vermehrung ohne Rücksicht auf sonstige Verluste für nicht zukunftsfähig. Das starke Bündnis der Sozial- und Ökologiebewegung sieht sich allerdings verlässlich mit dem Argument konfrontiert, Sozialstaat und Umweltschutz müsse man sich auch leisten können und den humanitären Katastrophen und Flüchtlingskrisen wäre nur mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit und globalem Wirtschaftswachstum zu begegnen. Themen wie Flächensparen und Amphibienschutz könnten da schon bald als „Luxusthemen“ erscheinen. Wirtschaftliche Kompetenz und Bündnispartner mit praxistauglichen Änderungsvorschlägen würden daher Umweltschutzverbänden sicher nicht schaden.

Die „Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V.“ unterstützt das vom BN mitgetragene Volksbegehren gegen das Freihandelsabkommen CETA. Harro Colshorn, selbst seit vielen Jahren BN-Mitglied, sieht die Zeit gekommen, in Sachen Handels- und Steuersystem gemeinsam auch für etwas zu demonstrieren. Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimawandel und Umweltkrise haben für ihn gemeinsame Ursachen. Um den Globus marodierende Hedge-Fonds-Billionen, die z. B. Regenwälder für Palmölmonokulturen abfackeln lassen, tun dies auch innerhalb der gegenwärtigen „kapitalistischen Machtwirtschaft“ nicht aus bösem Willen, sondern um ihrem einzigen Zweck zu dienen, nämlich die Kapitalrendite zu maximieren. Dass damit oft sogar ein negativer Beitrag zum Gemeinwohl „erwirtschaftet“ wird, lässt sich heute weder aus der Handels- noch aus der Steuerbilanz ablesen. Kriterien wie Klimaschutz oder der  Verlust an Tier- und Pflanzenarten zählen nichts. Umweltschutzvorschriften gelten in dieser Logik als „Investitions- und Handelshemmnis“. Wie aber könnten Werte wie „gerechter Welthandel“ oder „Grundwasserschutz“ zu einem praktischen Maßstab unternehmerischen Handelns werden?

Gemeinwohl als praktisches Unternehmensziel

Als Alternative zum unbedingten Wachstumszwang und zur globalisierten Ausbeutung von Mensch und Natur skizzierte Harro Colshorn Grundzüge derGemeinwohl-Ökonomie“. Diese sei kein fertiges akademisches Modell, sondern ein „demokratischer Prozess“. Alle an echter Nachhaltigkeit arbeitenden demokratisch geprägten Organisationen sind eingeladen, grundlegende Elemente einer ethischen und ökologischen Wirtschaftsordnung mit zu entwickeln und auf verschiedenen Ebenen in Wirtschaft und Gesellschaft mehrheitsfähig zu machen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie setze dabei klar auf Marktwirtschaft, allerdings unter sehr viel konkreteren Rahmenbedingungen von Ökologie und Humanität. Kaufmännisches Handeln bleibe wichtig, Geld werde aber „vom Zweck zum Mittel herabgestuft“.

Finanzgewinn als das alles überragende Unternehmensziel wird durch ein sinnvolleres Oberziel ersetzt. Unternehmen dienen weiterhin der Einkommenserzielung, ermitteln ihren Erfolg aber vor allem auch am positiven oder negativen Beitrag zum Gemeinwohl - auch wenn dies schwieriger zu messen ist.

Gemeinwohl-Bilanz

Eine Gemeinwohl-Matrix definiert zunächst die zentralen Werte Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung/ Transparenz in Relation zu den „Berührungsgruppen“: Lieferanten, Geldgeber, Mitarbeiter & Eigentümer, Kunden/Produkte & Mitunternehmen, gesellschaftliches Umfeld und Natur. Orientierung im Sinne von tendenziell gut oder schlecht für das Gemeinwohl finden „UnternehmerInnen“ in den einzelnen Feldern, die gemäß ihrer Bedeutung noch mit Punktzahlen gewichtet werden. Zusammen mit Minuspunkten aus einer konkreten Liste von Negativkriterien lässt sich ein Gemeinwohlindex aufaddieren, der insbesondere in Mehrjahresvergleichen zeigen kann, ob Entwicklungspotentiale realisiert wurden. Die öffentliche Transparenz wird zur Herausforderung, aber auch zum mutigen Aushängeschild, das weit mehr aussagen kann als PR-Passagen in den Jahresberichten vieler Unternehmen.

Pioniergruppe Mangfalltal

Die Idee einer ganzheitlichen Messung von Unternehmenserfolg setzen einige „PionierunternehmerInnen“ in der GWÖ-Regionalgruppe Mangfalltal bereits in die Praxis um. Jenseits der finanziellen Rendite und weit über die typischen Nachhaltigkeitsbekundungen hinausgehend, legen sie den Beitrag ihrer gewerblichen Tätigkeit zum ethisch-ökologischen Gemeinwohl in einer „Gemeinwohlbilanz“ offen.

Werden ökologische Kriterien bei der Wahl der Geschäftsbank und Zulieferer berücksichtigt? Sind die eigenen Produkte und Dienstleistungen ökologisch hochwertig und ressourcenschonend? Gibt es Bioessen in der Kantine, Förderung von ÖPNV und Fahrrad bei den Mitarbeitern? Beziehen wir Ökostrom? „Solche Fragen stellt man sich nicht wegen der Pluspunkte in einer Bilanz. Für mich brachte die Arbeit an meiner Gemeinwohlbilanz ein neues Bewusstsein für sinnvolle Unternehmensentwicklung“, berichtet Gerlinde Deininger, Inhaberin eines Bioladens in Bad Aibling über ihre Motivation, in der „Peer-Group“ Mangfalltal mitzumachen. Unter den zehn Betrieben und Einzelunternehmen sind Techniker und Handwerker, Informatiker und Dienstleister. Es geht ja um den Wertewandel in der gesamten Wirtschaft, nicht nur im „grünen Sektor“. Im Herbst 2016 wollen die Mangfalltal-UnternehmerInnen bei einer „Bilanzparty“ ihre Gemeinwohlbilanzen präsentieren.

Wird Gemeinwohl-Ökonomie bald Gesetz in Europa?

Der repräsentativ aus allen Parteien und Ländern der EU zusammengesetzte Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) hat in seiner Plenarsitzung am 17.09.2015 die Stellungnahme zur Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) mit einer beeindruckenden Mehrheit von 86% der Stimmen angenommen. Eine Aufforderung des EWSA an die Europäische Kommission, im Bereich unternehmerischer Verantwortung (CSR - Corporate Social Responsibility) einen nächsten Entwicklungsschritt zu machen und Unternehmen zu belohnen, wenn sie ihren höheren ethischen Beitrag nachweisen (Punkt 1.5 der EWSA Stellungnahme), wurde von der EU-Kommission inzwischen wohlwollend aufgenommen. Dies berichtete „Rapporteur“ Carlos Trias Pintó (MdEP) am 01.07.2016 in München Politikern und Unternehmern beim Kongress „Die GWÖ wird Gesetz in Europa“. Carlos Trias Pintó empfahl Deutschland, bei der für 2017ff vorzugebenden nationalen CSR-Richtlinie auf die Vorarbeiten der GWÖ (mit der Reporting-Struktur der Gemeinwohl-Bilanz) zurückzugreifen.

Über die positiven Auswirkungen einer GWÖ-Bilanzierung, nicht nur auf die Außendarstellung, referierten Jan Plagge, Präsident des 6000 Unternehmen vertretenden Verbands Bioland und Andreas Schöfbeck, Vorstand der 120.000 Mitglieder starken Krankenkasse BKK ProVita. Auch die Markterfolge der GWÖ-Pionierunternehmen Sparda Bank München oder des Bergsportartikelherstellers VAUDE wurden neben der „offiziellen“ Empfehlung durch die EU/EWSA als Ermutigung gesehen, Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen auf GWÖ auszurichten. Ob die Gemeinwohl-Ökonomie tatsächlich in EU-Richtlinien und nationalen Umsetzungsverordnungen ankommt, konnte noch nicht mit Meilensteinen belegt werden. Die Konferenzteilnehmer um GWÖ-Vordenker Christian Felber waren sich aber einig, dass gerade in Zeiten der großen Enttäuschungen über den Brexit und bürgerferne Freihandelsabkommen (CETA, TTIP, TISA) die Gemeinwohl-Ökonomie eine demokratisch konsensfähige Weiterentwicklung der Europäischen Union ermöglichen könnte. „It’s the economy, stupid!“ - vielleicht auch für den Naturschutz.

Theo Schneider, Vorstandsmitglied BN-Kreisgruppe Rosenheim und Mitglied „Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V.“

Weiterführende Links:

EU-Richtlinie zu „Nichtfinanziellen Informationspflichten von Unternehmen“ (CSR-Richtlinie):

http://www.csr-in-deutschland.de/DE/Politik/CSR-national/Aktivitaeten-der-Bundesregierung/CSR-Berichtspflichten/richtlinie-zur-berichterstattung.html

Resolution des EU-Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) zur GWÖ:

http://gwoe-bayern.org/europaeische-wirtschafts-und-sozialausschuss-befuerwortet-gemeinwohl-oekonomie/

http://coordination.ecogood.org/aktuelles-2/blicke/dokumentenablage/blicke-nr-8-09-15/stellungnahme-wirtschafts-u-waehrungsunion-september-2015

Eckpunkte einer ethisch-ökologischen Marktwirtschaft:

Zukunftsfähiges Wirtschaften: http://gwoe-bayern.org/?page_id=444

Gemeinwohlmatrix: https://www.ecogood.org/de/gemeinwohl-bilanz/gemeinwohl-matrix/

Welt – Bayern – Rosenheim:

Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie in Wien: https://ecogood.org/

Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V.: http://gwoe-bayern.org/

Gemeinwohl-Ökonomie Mangfalltal: http://mangfalltal.gwoe-bayern.org/ (mit GWÖ-Bilanz-Einstiegsberichten)

Unternehmerfrühstück in Mietraching 2015: http://gwoe-bayern.org/unternehmerfruehstueck-im-mangfalltal/