Andere „Heimatstrategie“

„Ihr Engagement wirkt!“ Richard Mergner, designierter Landesvorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern e. V. (BN), meinte damit nicht nur lokalen Amphibienschutz und die Wachsamkeit vor Ort der im Gasthof Höhensteiger zur Jahressitzung sehr zahlreich versammelten Kreisgruppe Rosenheim.

Wildbiene

27.04.2018

Rosenheim, 18.04.2018

Dass das streng geschützte Birkhuhn und die einmalig schöne Landschaft am Riedberger Horn nicht unter einer Skischaukel begraben werden, konnte durch phantasievollen Protest wie die Mahnwache für Alpenplan und Riedberger Horn beim Gautrachtenfest in Prien-Atzing und am Ende auch durch das vom BN finanzierte unabhängige geologische Gutachten, das erhebliche Eingriffsrisiken aufdeckte, erreicht werden. Die starke Mitgliederbasis, bereits über 6000 allein in Stadt und Landkreis Rosenheim, sorgen laut Mergner dafür, dass Bayerns größter Naturschutzverband professionelle juristische und fachliche Expertise aufbieten kann, ohne auf Kompromisse und Sponsoring angewiesen zu sein.

Nachdem Ministerpräsident Söder allerdings die Änderung des Alpenplans nicht zurücknimmt, halten BUND Naturschutz und LBV mit Unterstützung aller in der internationalen Alpenschutzkommission CIPRA zusammengeschlossenen Verbände weiterhin an der Normenkontrollklage fest.

Auch bleibt der BN bei der Normenkontrollklage gegen die Änderung des LSG Inntal Süd; hier soll u. a. geklärt werden, ob eine Strategische Umweltprüfung (SUP) erfolgen hätte müssen und welcher konkrete Rechtsanspruch sich aus dem Naturschutzprotokoll der Alpenkonvention ergibt. Die Verhandlung am 16.04.2018 vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht brachte keine Entscheidung. Das Thema ist sehr komplex; möglicherweise kommt es zu einer Verhandlung vor dem Europäischen Gerichtshof.

„Heimatschutz sieht anders aus“

„Ohne Insekten gibt es keinen Naturschutz“, würdigte Mergner die artenreichste Tierfamilie, deren dramatischer Schwund um drei Viertel in wenigen Jahrzehnten erst seit kurzem bewusst gemacht werden konnte. Eine Politik, die in der Praxis landwirtschaftliche Monokulturen und Gewerbeparks in freier Landschaft fördert, statt auf Flächenrecycling und vielfältige Fluren zu setzen, trage den „absurden Titel Heimatstrategie“. Auch wenn ein Zielwert für den Flächenverbrauchs nicht unproblematisch sei und konkrete Vorgaben wie die Wiederinkraftsetzung des bisherigen Siedlungsanbindegebots notwendig wären, wird sich der BN am Volksbegehren gegen den ungebremsten Flächenfraß in Bayern beteiligen. Angesichts des überwiegend kontraproduktiven Regierungshandelns hält Mergner den Kampf des Aktionsbündnisses „Damit Bayern Heimat bleibt - Betonflut eindämmen“ als „Notwehr“ gegen die schleichende Zerstörung von Kulturlandschaft und Heimat für gerechtfertigt. Die Methoden, wie man Kosten-Nutzen-Verhältnisse landschaftsfressender Verkehrsprojekte, etwa des 6-streifigen Ausbaus der A8 von Rosenheim nach Salzburg, schönrechnet, vergleicht Mergner mit der manipulativen Produktion von „fake news“.

Die Naturnischen in unseren Siedlungsgebieten sind unter Druck gekommen durch eine Entwicklung, die eigentlich den Land- und Bodenverbrauch eindämmen soll: die „Nachverdichtung“.

Ergebnis der „Nachverdichtung“ ist aber oft eine massive Störung der ökologischen Qualität der betroffenen Siedlungsgebiete, indem Gärten bebaut, mit Zufahrten, Stellplätzen und Tiefgaragen versiegelt und ihrer größeren Bäume und Gebüsche beraubt werden. Lebensnischen für Insekten, Vögel, Kleinsäugetiere gehen so verloren.

Um dies verstärkt in die Öffentlichkeit zu bringen, wurde „Wilde Pflanzen vor der Tür“ zum Schwerpunkt der Umweltbildung 2018 gemacht. Ursula Fees, die Umweltbildungsreferentin der KG Rosenheim, stellte das Projekt und die Ausstellungen „Lebensraum Garten“, „Wilde Pflanzen vor der Tür“ und „Hummeln“ vor, mit den auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht und Möglichkeiten zum konkreten Handeln gezeigt werden. In ihrem Jahresbericht konnte sie auch vom erfolgreichen Abschluss des Projekts „Abenteuer Natur- Natur entdecken und erleben „Niedermoor – unbekannte Schätze“ berichten.

Müllvermeidung vor Recycling

Wie der Landesbeauftragte Mergner musste auch der Kreisgruppenvorsitzende Peter Kasperczyk in seinem Jahresbericht feststellen, dass noch keine der großen Herausforderungen wie Klimaschutz oder Bienensterben einer Lösung näher gebracht werden konnte, dass im Gegenteil Jahr um Jahr neue Probleme dazukämen.

Mikroplastik gibt es nicht nur in Flüssen und Meeren, sondern auch im Landkreis. So finden sich immer wieder Tetra Pak-Fetzen um die Verbundstoff-Recyclinganlage Redenfelden. Da laut Bundesamt für Umwelt der „Stand der Technik“ als ausreichend gelte und Grenzwerte fehlen, gibt es bisher keine Möglichkeit einzuschreiten. Absolut vermeidbar ist Wildverbissschutz aus Plastik, von dem Reste am Waldboden wie z. B. in der Harthauser Filze zu finden sind. Über Regen und Regenwürmer in tiefere Erdschichten gelangend, reichert sich immer feiner zerriebenes Mikroplastik zusammen mit weiteren Schadstoffen in Trinkwasser und Nahrungsketten an. Da Mikroplastik oft hundert Jahre beständig ist, können Kunststoffe langfristig, auch über eine physikalisch-chemische Magnetwirkung auf Schadstoffe, immer höhere Belastungspotentiale anreichern. Wir kennen also heute bereits das Risiko, dass unser viel zu hoher Plastikverbrauch Trinkwasser und Nahrungsketten mit immer mehr Umweltgiften belasten wird.

Helfen könne nur eine Prioritätenumkehr: Mülltrennen ist zwar gut für die Umwelt. Noch besser ist jedoch, Müll zu vermeiden. Dies zeigte sich auch beim 4-tägigen Erörterungstermin zur Errichtung der DK-1 Deponie in Babensham / Wasserburg. Das Umweltnetzwerk Hamburg, als Sachbeistand der Stadt Wasserburg und der Gemeinde Babensham, die sehr gut vorbereiteten Mitglieder der „Bürgerinitiative zur Erhaltung von Umwelt und Lebensqualität im Wasserburger Land e. V.“ und der BN, vertreten durch die Fachgeschäftsstelle München, den Kreisvorsitzenden und einen OG-Vertreter, zeigten mehrfach die Mängel der Planung auf. Ob die Deponie an dieser Stelle gefahrlos für Mensch und Umwelt betrieben werden kann, ist mehr als fraglich. Aber auch die Vermüllung der Landschaft ist immer wieder zu entdecken; anhand von Fotos aus der Umgebung von Leitenberg / Gemeinde Frasdorf wurde eine illegale Bauschuttentsorgung belegt.

Dauer-Brenner

Im Frühjahr sammelten 59 Personen in insgesamt 1.019 Stunden über 10.000 Kröten, Frösche und Molche, meist bei schlechtem Wetter und in der Nacht, damit sie unbeschadet zu ihren Laichplätzen kommen und so die Amphibienbestände erhalten bleiben. Während sich zahlreiche Menschen für den Erhalt der Amphibien einsetzen, wird andererseits mit staatlicher Genehmigung die Vernichtung von Amphibienbeständen genehmigt: In Egernbach / Samerberg sind umfangreiche Neubauten geplant. Das anfallende Regen- und Abwasser soll in einen angrenzenden Amphibienteich (2001 mit Geldmitteln des BN errichtet) und dann weiter in ein Quellbiotop eingeleitet werden können, was zu einer Zerstörung des Lebensraums von zahlreichen Arten führen wird. 2018 wurden ungefähr 500 Kröten und 1.500 Grasfrösche gezählt. „Was hier erlaubt wurde, ist ein Verstoß gegen §39 BNatSchG Abs. 3. Leider können wir erst Anzeige erstatten, wenn etwas passiert ist. Davon werden wir natürlich Gebrauch machen“ so Kasperczyk.

Bei der Verkehrsflut Inntal-Brenner gibt es laut dem Kreisvorsitzenden zwar Effizienzpotentiale – bei besserer Auslastung, z. B. mit 16 statt 15 Tonnen/LKW, könnten über 100.000 der derzeit jährlich 2,3 Mio. LKW-Fahrten eingespart werden – doch jede Verbesserung werde bei der als Sachzwang hingenommenen Verkehrszunahme bereits in wenigen Jahren verpuffen. Nachhaltigen Schutz von Heimat und Lebensgrundlagen brächten wie beim Thema Plastikflut nur Verringerung und Vermeidung. Also – auch wenn es niemand hören möchte – nur der Abschied von der Illusion unendlichen Wachstums.

Kassenbericht und Kindergruppe „Wildkatzen“

Schatzmeister Klaus Jordan berichtete von einer sehr erfreulichen Mitgliederentwicklung; dank landkreisweiter Werbemaßnahmen hat die Kreisgruppe mehr als 6.000 Mitglieder. Weiter konnte er eine solide Finanzlage, auch dank zahlreicher Spenden, vermelden. Dem geweckten Interesse etwa an „Hummeln, Bienen im Pelz“ sowie dem Engagement der Geschäftsstelle ist es zu verdanken, dass in Rosenheim die BN-Kindergruppe „Wildkatzen“ gegründet werden konnte.

Ehrengäste und Landtagswahl

Als besondere Ehrengäste konnte Peter Kasperczyk neben der stellvertretenden Landrätin Andrea Rosner Martin Walter als stellvertretenden Vorstand des neugegründeten Landschaftspflegeverbands sowie als Kreisvorsitzenden des LBV und die Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde, des Wasserwirtschaftsamts und des Amts für Ernährung, Landwirtschaft & Forsten begrüßen. Besonders dankte Kasperczyk auch den anwesenden Bezirks-, Kreis-, Stadt- und Gemeinderäten und Vertreter/-innen von Parteien für ihr wertvolles Engagement für die Demokratie, ohne die auch ein wirksamer Einsatz für den Naturschutz nicht möglich wäre.

Richard Mergner betonte, dass Nachhaltigkeit und Demokratie Voraussetzungen für Umweltschutz, Ökologie und Generationengerechtigkeit sind. Der BUND Naturschutz appelliert an die Kandidaten und Kandidatinnen zur bayerischen Landtagswahl, in der nächsten Legislaturperiode für eine ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung des Landes einzutreten und dabei dem Natur- und Umweltschutz Priorität einzuräumen. Die Sicherung von Natur- und Lebensqualität und die Entwicklung eines zukunftsfähigen Bayern erfordern klare Kurskorrekturen. Kernforderungen des BN sind: dezentrale Energiewende und Atomausstieg, ein Klimaschutzgesetz für Bayern, Stopp des Flächenverbrauchs, bäuerliche und pestizidfreie Landwirtschaft, Stärkung von Naturschutz und Umweltbildung, neue Nationalparke und mehr Waldwildnis für das Land, konsequenter Schutz der Alpen, Entwicklung von Gewässern und Auen als Lebensadern, Verkehrswende für saubere Luft sowie eine starke Zivilgesellschaft.

Andere „Kleine Helden“

Ohne die „kleinen Helden“, die große Probleme ansprechen und in Kommunen Verantwortung übernehmen, „ohne Ihre Ehrenamtlichkeit würde es nicht gehen“, würdigte die stellvertretende Landrätin Andrea Rosner die Bedeutung der Kreisgruppe für die Umwelt in Stadt und Landkreis Rosenheim.

Nach einer regen und lebhaften Diskussion schloss der Kreisvorsitzende die Versammlung mit einem Dank an alle Aktiven.

 

Für Rückfragen und weitere Informationen:

Theo Schneider
Tel. 08063 9738111
E-Mail: ct.schneider (at) web.de

1. Vorsitzender
Peter Kasperczyk
Tel. 08031 12882
E-Mail: rosenheim (at) bund-naturschutz.de