Februar 2015: Rosenheim bayerisches Schlusslicht im Fahrradklimatest 2014 - was ist zu tun?

Der ADFC-Fahrradklimatest soll die Fahrradsituation vor Ort bewerten und damit zur Verbesserung des Verkehrsklimas beitragen. Dieser Test ist die größte derartige Umfrage und wird vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert. Auch beim Fahrradklimatest 2014 hat Rosenheim wieder schlecht abgeschnitten.

Mit Note 4,03 liegt die Stadt bundesweit auf Platz 75 von 100, bayernweit sogar nur auf dem letzten Platz der untersuchten Städte zwischen 50.000 und 100.000 Einwohnern.

Etwas besser (0,1 Notenstufen) oder gleichauf  mit dem Durchschnitt der vergleichbaren Städte schnitt Rosenheim nur bei folgenden Fragen ab:

  • Inwieweit sind Einbahnstraßen in der Gegenrichtung für Radfahrer/innen freigegeben?
  • Wie gut sind die Ampelschaltungen auf Radfahrer/innen abgestimmt?

Deutlich schlechter (-0,6 bis -0,7 Notenstufen) als in den vergleichbaren Städten waren die Ergebnisse bei folgenden Fragen:

  • Ist Radfahren hier Spaß oder Stress?
  • Wie häufig gibt es Konflikte zwischen Radfahrer/innen und  Autofahrer/innen?
  • Gibt es öffentlich zugängliche Leihfahrräder oder wenigstens eine touristische Fahrradvermietung?
  • Fühlt man sich als Radfahrer/in sicher oder gefährdet?
  • Wie gut kann man Fahrräder in öffentlichen Verkehrsmitteln mitnehmen?

Der städtische Pressesprecher Thomas Bugl macht es sich zu einfach, wenn er aufgrund der überschaubaren Teilnehmerzahl (61 ausgefüllte Fragebögen) die Repräsentativität der Umfrage anzweifelt. Der letzte Fahrradklimatest 2012 erbrachte bei deutlich höherer Beteiligung (170 Fragebögen) ein noch schlechteres Ergebnis von 4,10. Eine von der Stadt Rosenheim selbst in Auftrag gegebene und 2012 veröffentlichte Untersuchung ergab, dass der Anteil des Radverkehrs in Rosenheim seit der letzten Untersuchung 2001 auf 18% gesunken ist, gegen den Trend in anderen Städten. Der renommierte Verkehrsexperte Werner Brög musste konstatieren, dass die Nutzung des Autos hier fast amerikanische Dimensionen angenommen hat. Von vielen Befragten wurde die mangelnde Sicherheit beim Radfahren beklagt.

Um den Anteil des Radverkehrs in Rosenheim wieder zu erhöhen und steigende Unfallzahlen zu senken, sind grundlegende Änderungen nötig.

Hierzu zählen Verbesserungen in der Infrastruktur wie die Führung des Radverkehrs auf der Straße; baulich getrennte Radwege müssen die Ausnahme bleiben. Wichtig ist die Ausweitung und Einhaltung eines Tempolimits von 30 km/h, aber auch bessere Querungsmöglichkeiten, genug gute Abstellmöglichkeiten und die Beseitigung von Schiebestrecken. Viele straßenbegleitende Kurzzeit-Parkplätze müssen aufgelöst werden, um Platz zu gewinnen, die Sichtbeziehungen unter den Verkehrsteilnehmern zu verbessern und Parksuchverkehr zu vermeiden. Ein leistungsfähiger ÖPNV in Stadt und Umland würde auch das Radfahren attraktiver und sicherer machen.

Am Bahnhof beispielsweise sind die Infrastruktur-Mängel offensichtlich: Dort hat man es leider nicht geschafft, eine befahrbare Unterführung zu bauen. Größtenteils fehlen Schieberampen, was beim Ausfall eines Aufzugs besonders unangenehm ist - nicht nur für Radfahrer, sondern auch z. B. für Behinderte. Eine Überführung wird noch Jahre auf sich warten lassen. Die Abstellmöglichkeiten reichen weder auf der Nord- noch auf der Südseite aus und sind nur teilweise überdacht. Der Bau des dringend benötigten Fahrradparkhauses wird immer wieder hinausgeschoben, mittlerweile auf 2019! Vom Konzept eines weitgehend autofreien Vorplatzes hat man sich zugunsten von immer mehr Kurzzeitparkplätzen im Interesse der Gewerbetreibenden leider verabschiedet, zum Nachteil der übrigen Verkehrsteilnehmer.

Der ursprüngliche Verkehrsentwicklungsplan im Stadtentwicklungskonzept Rosenheim 2025 sah wesentliche Verbesserungen für den Radverkehr vor. Leider musste er für die Autostadt Rosenheim umgearbeitet werden. Doch selbst in dieser Version wartet er seit vielen Monaten in der Schublade auf die Diskussion mit Bürgern und Stadträten.

Mindestens ebenso wichtig sind Änderungen in den Köpfen der Beteiligten wie Rücksichtnahme auf schwächere Verkehrsteilnehmer und ausreichender Seitenabstand beim Überholen, um die tatsächliche und gefühlte Sicherheit zu verbessern.

Rosenheim sollte den Fahrradverkehr endlich wieder als Riesenchance für Lebensqualität, Gesundheit und Umweltschutz begreifen!

Update Oktober 2016:

An der Situation in Rosenheim hat sich leider noch nichts Grundlegendes geändert. Im Sommer 2016 wurde der Verkehrsentwicklungsplan (VEP) nach jahrelanger Verzögerung mit Bürgern und NGOs, Wirtschaft und Verkehrsträgern diskutiert. Obwohl Punkte wie die im VEP vorgeschlagene Führung des Radverkehrs auf breiten Schutzstreifen oder die Auflösung von Kurzzeit-Parkplätzen in den Foren große Zustimmung fanden, ist es fraglich, ob sich solche Lösungen auch im Stadtrat durchsetzen.

Am Bahnhof wurde mittlerweile von der GRWS eine Fahrradstation mit gut 400 Abstellplätzen errichtet; diese sind allerdings kostenpflichtig und decken bei weitem nicht den Gesamtbedarf. Das große Fahrrad-Parkhaus ist auf einer zu kleinen Fläche vorgesehen und müsste daher mit drei(!) Stockwerken ausgeführt werden. An eine Realisierung vor 2019 ist nicht zu denken. Ob und wann die versprochene Überführung gebaut wird, ist völlig ungewiss; es stehen noch nicht einmal die Grundstücke dafür zur Verfügung.

Gesamtdokumentation zum Verkehrsentwicklungsplan (September 2016)

Ergebnisse des ADFC-Klimatests 2014

Stellungnahme der BN-OG Rosenheim zum Bahnhofsgelände Nord (Juli 2014)

Experten-Anhörung zu Stadtplanung, Verkehr, Energie und Umwelt für das Stadtentwicklungskonzept 2025 (Mai 2012)

Leserbrief der BN-Ortsgruppe Rosenheim zur Verkehrssituation (April 2012)

Zur BN-Ortsgruppe Rosenheim