Jahreshauptversammlung 2011 der BN-Kreisgruppe

27 Jahre Spitze im Naturschutz: Ernst Böckler übergibt Kreisvorsitz

V. l. n. r.: Dr. Gertrud Knopp (stv. Kreisvorsitzende), Ernst Böckler, Peter Kasperczyk, Prof. Dr. Hubert Weiger

Peter Kasperczyk neuer Vorsitzender der Bund-Naturschutz-Kreisgruppe Rosenheim – Prof. Hubert Weiger: „Energiewende von unten anschieben“

 „Gut bestellt“ übergibt Ernst Böckler, 66, das Feld der Kreisgruppe Rosenheim des Bund Naturschutz in Bayern e.V. (BN) an seinen Nachfolger, den 63-jährigen EDV-Kaufmann Peter Kasperczyk, bisheriger Stellvertreter und Vorsitzender der BN-Ortsgruppe Bernau. Nach 27 Jahren an der Spitze geht damit eine Ära des Naturschutzes im Landkreis Rosenheim zu Ende, deren Würdigung im Mittelpunkt der Jahreshauptversammlung 2011 am 25.März im Rosenheimer Mail-Keller stand. Der mit 95% Zustimmung gewählte neue Kreisvorsitzende Peter Kasperczyk sieht Ernst Böckler als ein Vorbild an Tatkraft und Idealismus im Ehrenamt und will dessen über die Region hinaus erfolgreiche Naturschutz-Arbeit auch mit starker Einbeziehung der Ortsgruppen fortsetzen.

Auf eigenen Wunsch legt Ernst Böckler zur Halbzeit der 4-jährigen Wahlperiode die Leitung der Kreisgruppe nieder, um sich mehr seiner Familie widmen zu können und den Weg noch auf der Höhe von Elan und Engagement für neue Kräfte freizumachen. In seinem letzten Jahresbericht kann Böckler – fast wie gewohnt - über Erfolge, aber auch „bittere Entwicklungen“ referieren.

„Der BN-Beitrag zur Landesgartenschau mit Biber und Auwald hat Eindruck gemacht.“ Damit spricht er den vielen teilweise über 3 Jahre lang aktiven Projektmitarbeitern, Aufbauhelfern, Biber- und Standbetreuern aus der Seele. Besonderer Dank geht an Projektleiter Michael Hertel von der Ortsgruppe Rosenheim. Auch die Umweltbildungsangebote mit Frau Fees entwickelten sich sehr erfolgreich.

Bittere Verluste an Natur und Heimat sind angesichts der Autobahn A8-Ausbaupläne zu erwarten. Im sog. Planungsdialog fand die naturverträgliche fundierte Ausbauvariante des BN („4+2“) keine Berücksichtigung als diskussionswürdige Alternative. Das Verkehrswachstum werde einfach hingenommen, Straßenbau als einzige Lösung präsentiert und „die Anwohner mit ein paar Zuckerln für den Lärmschutz wie der „Bernauer Mauer“ ruhig gestellt.“

Für eine Agrarwende und gegen das gedankenlose „we eat the world mit Futtermittelimporten und Biosprit“ setzt Böckler die regionale gentechnikfreie Versorgung, unterstützt z. B. durch den neuen Einkaufsführer des AK Gentechnik und die schon seit 1994 bewährte „Grüne Kiste“.

„Grausige Aktualität“ hat das Thema Restrisiko Atomkraft erlangt, das Böckler zufolge auch deshalb ein Verbrechen sei, weil es Alternativen gäbe. Dabei müsse die Lösung mit Energiesparen beginnen und natürlich mit der „sofortigen Revision des Ausstiegs vom Ausstieg“.

27 Jahre „gelebte Naturschutzgeschichte“

Als Glanzlichter seiner Rückschau auf 27 Jahre Kreisgruppenvorsitz sieht Böckler die zusammen mit vielen Mitstreitern erreichte Abwehr eines „AKW Rosenheim Nord / Marienberg“. Zum historischen Erfolg für unsere Region seien auch die Ausweisung des Geigelsteins als Naturschutzgebiet und die Abwehr von Industrieansiedlung in der Eulenau und im Landschaftsschutzgebiet Inntal zu zählen.

„Weh getan“ haben ihm neben gesetzgeberischen Rückschritten im Naturschutz, z. B. durch ein „fatales bayrisches Waldgesetz“, stets die großen Landschaftszerstörungen und der Flächenfraß, z. B. durch den „Großmöbler Weko“ oder ein „abstoßendes Logistikzentrum“ in Natzing direkt am Naturjuwel Seenplatte. Zu seinem persönlichen Anliegen „gegen überflüssige Landschaftsmöblierung“ fragt sich der scheidende Vorsitzende: „Haben denn die Menschen mit den großflächigen Kisten schon ihren Frieden gemacht?“

Enttäuschungen ließen Böckler aber nie müde werden und er konnte sich auch über viele Ehrungen, darunter die Bayerische Naturschutzmedaille, freuen. Nach 27 Jahren als Leiter freue er sich nun aber auf die Zeit als „hauptamtlicher Opa“ und wünscht der „gut aufgestellten“ Kreisgruppe Rosenheim von Herzen alles Gute. Der volle Saal dankt ihm sozusagen für sein „Lebenswerk“ mit minutenlangem stehenden Applaus, dem sich auch der BUND- und BN-Vorsitzende Prof. Hubert Weiger mit einer Laudatio anschließt.

Böcklers Rede und Wirken nennt Weiger „gelebte Naturschutzgeschichte“, Naturschutz auch für die Menschen „gegen einen immer stärker abhängig machenden Lebensstil“. Ernst Böckler habe frühzeitig erkannt, dass heute die Leistung viel stärker im Bewahren als im Neu-Bauen liegt. Konsequent trotz vieler Anfeindungen setzte er sich jahrzehntelang mit ganzer Person und Kraft für die Bewahrung von Schöpfung und Heimat ein. So wirke er als Vorbild weit über Rosenheim hinaus für den gesamten Bund Naturschutz, der sich weiterhin über seine Mitarbeit im BN-Landesverband freut.

Maria Noichl (MdL,SPD) überbringt „ohne Auftrag die Grüße des Landtages“ und überreicht als sinnbildhaftes Ge-schenk ein Gesteck, das mit der Tanne die Tiefgründigkeit, Standfestigkeit und Tapferkeit „gegen den permanenten Verbissdruck von allen Seiten“ symbolisiert. Durch Böckler sei es in der Kreisgruppe „nie zu einem Leittriebverlust“ gekommen.

Landrat Josef Neiderhell (CSU) hebt trotz der politischen Auseinandersetzungen mit dem BN die „positive Schnittstellenkommunikation“ und die gemeinsamen Anliegen und Erfolge hervor wie z.B. das Projekt „Rosenheimer Stammbeckenmoore“. Neiderhell dankt Böckler für seine Arbeit und wünscht sich viele so standhafte Aktive in den Organisationen.

„Energiewende von unten" gefordert

In einem Statement zu den Konsequenzen des Atomdesasters in Japan fordert BN-Chef Hubert Weiger die BN-Aktiven auf, sich in diesen Tagen keine zu leichten Hoffnungen zu machen. Niemand dürfe glauben, dass die fast allseits bekundete Einsicht für eine schnelle Energiewende (weg von Atomkraft) nun ein Selbstläufer werde, schließlich gehe es für die Stromkonzerne um viele Milliarden sicher geglaubter Gewinne. Wir sollten uns laut Weiger heute schon darauf einstellen, dass sich nach ein paar Monaten des Protests die Wirtschaftsinteressen mit großer zentraler Lobby- und Finanzmacht zurückmelden werden. Dem solle der BN mit seiner dezentralen Struktur überall im Land gut vorbereitet entgegentreten, denn die echte Energiewende hänge von den Bürgern ab.

Zentralismus als Hauptproblem erkennen: Die Mehrheit müsse erst noch verstehen, dass zentrale Großkraftwerke die Macht und Gewinne der Konzerne ausmachten und diese aus logischem Eigennutz die Lösung der Probleme, die in der Priorität dezentraler Strukturen liegt, blockieren werden – mit finanziellen und politischen Druckmitteln wie zuletzt bei der „fatalen Verlängerung der Laufzeiten auch noch der unsichersten Kernreaktoren in Deutschland“.

Wenn man dies verstanden habe, könne man auch „der schon anlaufenden Desinformationskampagne“ begegnen, die Weiger zufolge darin gipfelt, dass behauptet wird, lokale Gruppen oppositioneller Bürger und Naturschützer würden großflächig die erneuerbaren Energien behindern. Bei einer Strukturwende hin zur dezentralen Versorgung und konsequenter Bürgerbeteiligung würden sich aber die Zwänge kaum finanzierbarer Großnetze und massenhaft neuer Speicherwerke etc. zu einem erheblichen Teil auflösen. Mit vorwiegend dezentraler Versorgung und geringerer Verbrauchsbasis brauche man dann nicht tausende Kilometer neuer 380-KV-Hochspannungstrassen, sondern nur ca. 200 km. Dann könne man sich problemlos auch teilweise erforderliche Erdkabel leisten.

Bezeichnend, dass Bundespräsident Wulff noch als niedersächsischer Ministerpräsident auf Druck von EON und Deutsche Bank ein Gesetz zurückziehen musste, das die Stromkonzerne verpflichtet hätte, durch sensible (Naturschutz-)Gebiete nur noch Erdkabel zu verwenden. Wulff habe in inoffiziellen Gesprächen bekundet, er „kenne den Druck“ der Wirtschaft. Großprojekte der regenerativen Stromgewinnung wie Wasserkraft aus Norwegen oder „Desertec“ in Nordafrika benötigten nicht nur immense überregionale Infrastrukturinvestitionen, sie dienten auch im Solarzeitalter weiter dem „Machterhalt der Stromkonzerne und Banken“, sollten also auch daher nicht im Zentrum der Lösungssuche stehen. Das falsche Leitbild einer angebotsdominierten Stromwirtschaft darf Weiger zufolge allerspätestens seit Fukushima nicht mehr unsere Energiepolitik prägen.

„Dafür-Bürger“ durch Bürgerbeteiligung

Auswärtige Investoren, etwa mit Solarparks auf Ackerland, fänden oft sogar zurecht wenig Akzeptanz, dagegen entwickelten sich z.B. „Bürgerwindräder“ oft rasch zum Erfolg und Gewinn in den Kommunen. Weiger ermuntert die BN-Aktiven, überall in den Gemeinderäten konkrete Ziele und Beschlüsse zu fordern. Natürlich hänge die von den Konzernen negierte Machbarkeit einer raschen Energiewende zuerst am konsequenten Energiesparen und der „Abkehr vom gedankenlos verschwenderischen Lebensstil“. Effizienz ist aber problemlos machbar.

Laut Wuppertal-Institut für Klima und Energie könnten wir innerhalb eines halben Jahres den Strombedarf dauerhaft um 20% senken - allein durch Austausch alter Heizungspumpen in privaten Gebäuden 5%, in öffentlichen Gebäuden sogar 10%. Und trotz vieler Lippenbekenntnisse zum Stromsparen „laufen immer noch zwei bis drei AKW allein für den Stand-by-Betrieb elektrischer Hausgeräte“.

Das „Atom-Desaster“ in Japan mit seinen immensen finanziellen Schäden und unabsehbaren wirtschaftlichen Folgen demaskiere die „billige Kernenergie“ als ungünstig auch für Wirtschaftsentwicklung und Wohlstand. Viele kommende Generationen werden noch hohe Kosten ohne Nutzen beklagen. Dagegen setzt Prof. Hubert Weiger ein optimistisches Fazit: „Was wir jetzt brauchen ist einfach MEHR GEHIRN UND WENIGER STROM! Mit dem gemeinsamen Engagement der Bürger und Bauern müssen und werden wir die Energiewende von unten schaffen“.