Mehr Wildnis bitte!

Große Wollbiene (Foto: Gerhard Schmidt)

Helfen wir den Insekten überleben

Wer vor dreißig Jahren eine sommerliche Autofahrt übers Land unternommen hat, ist von diesem Ausflug meist mit von toten Insektenleibern bedeckter Windschutzscheibe heimgekommen. Heute ist solch ein Erlebnis eher selten geworden und ist damit deutliches Zeichen eines dramatischen Schwundes von Insekten nach Arten und Anzahl.

Und mit den Insekten sind alle Tierarten gefährdet, die auf Insekten angewiesen sind, wie viele Vogelarten, Fledermäuse, Amphibien und Insekten untereinander.

Darüber hinaus bestehen engste Beziehungen zwischen Insekten und Pflanzen. Bestäuben die einen nicht, tragen die anderen keine Früchte und werden in ihrem Fortbestand gefährdet, wobei auch die Lebensgrundlagen für uns Menschen in Frage gestellt werden.

Im vergangenen Jahr berichteten Medien ausgiebig über die vielfältigen von uns Menschen ausgelösten Gefahren für den Fortbestand von Bienen, Wildbienen, Hummeln, Käfern, Libellen, Schmetterlingen, Spinnen und Co. 

Viele negative Beiträge liefert die immer industrieller gewordene Landwirtschaft. Rationalisierung und Ertragsmaximierung haben seit Jahrzehnten zu immer mehr Einsatz von Pestiziden und Herbiziden geführt, haben neben den "Schädlingen" gleich noch viele andere Lebewesen und den Boden vergiftet.

Hier ist nicht nur das aktuelle Glyphosat zu nennen, sondern auch die Giftgruppe der Neonicotinoide, die aufs Feld kommen.

Die Beseitigung von Feldbäumen, Feldhecken und –gebüschen, von Wiesen- und Ackerrainen, die Aussaat nur weniger Grassorten, die häufige Mahd haben ein übriges dafür getan, die Lebensmöglichkeiten einer reichen Vielfalt von Insekten zu zerstören oder wenigstens stark einzuschränken.

Der dramatische Schwund von Insekten – und damit auch Vögeln – auf den landwirtschaftlichen Flächen geht einher mit einer Verarmung an Pflanzenarten, deutlich sichtbar an öde einheitsgrünen Wiesen und wildkräuterlosen Äckern.

Die Schuld den Bauern pauschal und allein zu geben ist nicht richtig. Wie wir alle, sind die meisten Bauern Opfer einer agro-industriellen Entwicklung, die ohne Rücksicht auf Biodiversität, Boden- und Wassergesundheit und erst recht landwirtschaftliche Schönheit allein dem maximalen Ertrag in kürzester Zeit verpflichtet ist – ein fataler Irrweg! 

Dieser Weg der Landwirtschaft hat zu einer an sich etwas absurden Situation geführt, dass häufig in Siedlungsbereichen eine reichere Insekten- und Vogelwelt anzutreffen gewesen ist als auf dem Land.

Zurückzuführen ist dies zumeist auf die Tatsache, dass Siedlungsgebiete viele Nischen mit geringer Nutzung geboten haben. In den Hausgärten und öffentlichen Grünanlagen finden sich auch heute noch viele große Bäume, Baumgruppen, Gebüsche, Hecken, ungenutzte Ecken mit Stauden, Laub- und Totholzhaufen bis hin zu den für manche Schmetterlingsart ganz wichtigen Brennnesseln!

Und es finden sich auch immer noch viele Gartenfreunde, die Wildkräuter wachsen und Wiesenstücke blühen lassen, ihre Pflanzen nicht in Reih und Glied zwingen, in ihren Gärten "schlampige" Ecken dulden, Laub verrotten lassen und auch den abgestorbenen Ast oder Baum zur Freude von Meise, Kleiber, Specht stehen lassen.

In solchen Siedlungsgebieten, wie es sie Gott sei Dank noch häufig gibt, finden die "Flüchtlinge vom Land" oft noch den Lebensraum, der ihnen "auf dem Land" genommen oder beeinträchtigt worden ist.

Gärten, Brachflächen, "wilde" Ränder von Straßen, Wegen, Plätzen können also im Siedlungsgebiet Lebensräume für viele Insekten und Vögel bieten, wenn die "Unordnung" zu ihrem Recht kommen darf, wenn Brennnessel und Co. auch noch Platz haben dürfen, Wildbienen und Hummeln willkommene Mitbewohner sind und möglichst heimische robuste Pflanzenarten wachsen und blühen und fruchten dürfen.

In solchen Gärten hat dann auch der inzwischen ebenfalls rar gewordene Igel eine Heimstatt.

Die Naturnischen in unseren Siedlungsgebieten sind aber unter Druck gekommen durch eine Entwicklung, die eigentlich den Land- und Bodenverbrauch eindämmern soll: die "Nachverdichtung".

Mit ihrer Hilfe sollen bestehende Siedlungsgebiete intensiver genutzt werden, um einer Neuausweisung von Siedlungsflächen zu Lasten von Natur, Landschaft und Landwirtschaft entgegenzuwirken.

Ergebnis der "Nachverdichtung" ist aber oft eine massive Störung der ökologischen Qualität der betroffenen Siedlungsgebiete, indem Gärten bebaut, mit Zufahrten, Stellplätzen und Tiefgaragen versiegelt und ihrer größeren Bäume und Gebüsche beraubt werden. Lebensnischen für Insekten, Vögel, Kleinsäugetiere gehen so verloren. Und eine auf Ordnung, Sauberkeit und Pflegeleichtigkeit ausgelegte Garten- un-kultur trägt durch kurzgeschorene Rasenflächen, folienunterlegte Kies- und Schotterbeete, Koniferen, in Form gestutzte Büsche und Stauden in Verbindung mit viel Dünger, Gift und Mähroboter ihr gerüttelt Maß an Lebensfeindlichkeit bei.

Nachverdichtung produziert neben mehr Wohnraum, Garagen und Abstellplätzen auf gleicher Fläche vor allem Verluste in der ökologischen Qualität der Städte.

Nachverdichtung sollte verstärkt damit verbunden werden, dass Platz ist für Bäume, Gebüsche, Hecken, Staudenfluren, blühende Grünflächen, für Obstbäume und Spalierbäume an Hauswänden, für begrünte Mauern und Fassaden. Und soweit Flachdächer gebaut werden, sollten diese extensiv begrünt werden, um den Verlust am Boden wenigstens etwas auszugleichen.

Für viele Insekten und Vögel sind blühende Obstbäume, Sträucher, Hecken, über den ganzen Sommer blühende Gartenpflanzen mit möglichst gut zugänglichen, offenen, ungefüllten Blüten äußerst wichtig, und nicht zuletzt sollten Unterschlupf- und Nistmöglichkeiten in den stilleren Gartenzonen geboten werden. Dies geht nur in einem vielfältigen, vielgestaltigen Garten mit ruhigen "vergessenen" Ecken und Winkeln und nicht in Gärten, deren hauptsächliches Merkmal Übersichtlichkeit und Pflegeleichtigkeit sind.

Für öffentliche Grünflächen, Parks gilt im Grunde dasselbe. Auch hier steht oft ein übertriebenes Sicherheits- und Ordnungsbedürfnis den Lebensräumen von Insekten, Vögeln und Kleinsäugern entgegen, fallen "wilde" Ecken und Gebüsche der Übersichtlichkeit zum Opfer.

Es ist Zeit, da etwas umzudenken!

Nicht jedes Gebüsch ist ein "Gefahrenherd"!

Und warum können Verkehrsinseln, Straßen- , Wegrandstreifen, Brachflächen nicht Wildkräuterflächen sein, in denen es von Frühling bis Herbst lustig blüht, summt, brummt und zirpt?

Und warum werden beim Mähen – gerade auf öffentlichen Flächen – Mähgutsauger eingesetzt, in denen neben dem Grasschnitt gleich auch noch Käfer, Hummel, Spinne, Raupe verschwinden?

Wir Menschen machen es uns zu einfach mit unseren kleinen und kleinsten Mitgeschöpfen. Wir gehen zu achtlos und achtungslos mit ihnen um. Ein Schmetterling, bedenk, ist erstmal eine zuweilen recht unansehnliche Raupe bevor er zum bewunderten fliegenden Farbenspiel wird, und viele Pflanzen kommen nur zu Früchten und Samen, wenn Biene, Hummel, Schmetterling ihr Werk der Bestäubung tun.

Also sorgen wir doch dafür, dass es den vielen kleinen Lebewesen in Busch, Laub, Gras, Boden gut geht – dann geht es uns letztlich auch gut!

Machen wir doch das auch uns tragende Netz des Lebens wieder engmaschiger, dichter, stärker, dann trägt es uns Menschen auch in Zukunft!

 

Ernst Böckler

Januar 2018