Streuwiesenmahd bei Kirnstein

Seit 25 Jahren Erhalt eines Stücks Kulturlandschaft durch den BN

Wie jedes Jahr haben auch heuer wieder 25 Bund Naturschutz-Mitglieder und Freunde aus dem ganzen Landkreis das wertvolle Kalkflachmoor bei Kirnstein gemäht. Dadurch wird ein letztes Reststück einer 150 Jahre alten Form der Kulturlandschaft im oberen Inntal erhalten. Gleichzeitig bleibt ein besonderer und früher sehr häufiger Lebensraum für heute rare Arten bestehen, den es nur noch an wenigen Stellen gibt.

In den 1860er Jahren mussten die oberbayerischen Bauern notgedrungen und sehr  rasch auf die Milchwirtschaft nach Schweizer Muster umstellen. Spottbillige russischen Getreideimporte per Eisenbahn waren die Ursache. Für die Stallhaltung der Kühe war eine Bodeneinstreu für das Lager und zum leichteren Entmisten erforderlich. Man verwendete bei uns Laub- oder Nadelstreu aus dem Wald, in Niederbayern Stroh. Eine neue Erfindung war die Streuwiesenmahd:
Feuchte Flächen in der Innaue, die nach der 1860 abgeschlossenen Inneindeichung dauerhaft genutzt werden konnten, lieferten mit den Halmen und Blättern der Sauergräser viel brauchbares Material für die Stalleinstreu. Sauergräser und Binsen können wegen ihrer Rauheit und Zähigkeit sonst höchsten als Pferde- und Ziegenfutter dienen, sie sind für die Rinderernährung kaum brauchbar.

Mit der jährlichen Mahd im Herbst veränderten sich die Standortbedingungen für den natürlichen Pflanzenwuchs drastisch: Vor allem konnten wie in allen Mähwiesen  keine Bäume und Sträucher mehr Fuß fassen. Die Landschaft blieb dadurch offen und die Sonne konnte bis zum Erdboden durchdringen. Das begünstigte die Gräser und krautigen Pflanzen, die im Unterholz keine Überlebenschance gehabt hätten. Bekannte Profiteure (weil sehr hübsch anzuschauen) sind z.B. die Erdorchideen wie die Sumpfstendelwurz, das Glanzstendel, die Sommerdrehwurz oder die Mücken-Händelwurz.

Sumpfstendelwurz
Mücken-Händelwurz

Insbesondere kam es ihnen entgegen, dass die Flächen nicht gedüngt wurden, weil sie sonst von höheren Gräsern wie dem Schilf schnell verdrängt worden wären. Diese Pflanzen waren über ein Jahrhundert lang bei uns recht häufig. Häufig waren auch Insekten wie z.B. viele Schmetterlingsarten, die die nektarreiche Blütenpracht wohl sehr geliebt haben.

Schillerfalter

Mit der Intensivierung der Landwirtschaft nach dem Krieg begann der Niedergang der Streuwiesen und ihrer interessanten Bewohner. Die Einstreu wurde wegen der neuen Schwemmentmistung nicht mehr gebraucht, das beschwerliche Ernten der Sauergräser wurde überflüssig. Die offenen Standorte verschwanden mehr und mehr und wurden entweder durch Trockenlegung oder durch Selbstbewaldung infolge der Aufgabe des Schnitts extrem stark verändert. Mit ihnen verschwanden zahlreiche Arten, die heute auf den roten Listen stehen und am ehesten noch auf den extensiven Almflächen zu finden sind, aber im Tal nur nach an ganz wenigen Stellen.

Der Bund Naturschutz Kiefersfelden-Oberaudorf hat es sich seit 25 Jahren zur Aufgabe gemacht, eine der allerletzten Streuwiesen im Oberinntal in althergebrachter Weise zu pflegen - durch Herbstmahd und Entfernen des Mähguts. Es ist eine mühsame Arbeit mit nur wenig Maschinenunterstützung, weil die Wiese fast überall viel zu nass ist zum Befahren. Die Streu muss händisch herausgebracht werden, z.B. mit dem 'Filzenexpress', einer alten Lastwagenplane mit Haltegriffen für vier starke Männer.

"Filzen-Express"
Auflegen

Nur durch das Miteinanderanpacken von vielen kann die Arbeit heute überhaupt noch geleistet und das Kreuzweh in Grenzen gehalten werden. Der Lohn, so Christian Schäfer, der Vorsitzende der Ortsgruppe, ist eine schöne Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die es sonst kaum noch wo im Tal gibt.

Das Erntegut kommt heute zum Wertstoffhof und bildet eine sehr gute Grundlage für die Kompostherstellung, weil es keinen Holzanteil hat. Günstig wäre auch eine Verwertung in einer Biogasanlage, aber leider gibt es noch keine in erreichbarer Nähe.

Der Freistaat fördert solche extensiven Pflegemaßnahmen zum Erhalt wertvoller Pflanzen- und Tiergesellschaften. Dadurch hat der Verein - ein willkommener Nebeneffekt - eine stetige kleine Einnahmequelle. Die Arbeit (und die Brotzeit danach) macht allen immer wieder Freude und bisher wurde die Gruppe schon 24 Mal mit Sonnenschein verwöhnt!

R. Haidacher
(2. Vors. BN OG Kiefer-Audorf)