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September 2021: 2. Stellungnahme zur Krainstraße

53. Änderung des Flächennutzungsplans und Bebauungsplan Nr. 194 "Krainstraße Nordwest"

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Namen des Landesverbandes und der Kreisgruppe Rosenheim des BUND Naturschutz (BN) geben wir zu den Unterlagen folgende Stellungnahme ab:

1. Grundsätzliches

Aus der geplanten Wohnbebauung an dieser Stelle ergeben sich schwerwiegende Nachteile für Natur, Landwirtschaft, Ortsbild und Naherholung sowie Probleme durch die massive Vergrößerung des Ortsteils Oberwöhr.

Vor allem aber bräuchte man hier statt neuer Versiegelung dringend zusätzlichen Rückhalteraum für Hochwasser, wie es auch in einer früheren Planung des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim (WWA) vorgesehen war!

Der BN lehnt daher die Wohnbebauung strikt ab, wie bereits in der letzten Stellungnahme erläutert. Diese behält grundsätzlich ihre Gültigkeit; nur einzelne besonders wichtige Aspekte sollen aber hier nochmals aufgegriffen werden.

2. Notwendigkeit für mehr lokalen Retentionsraum

Klimaforscher warnen schon seit Jahrzehnten vor der Zunahme von Starkregen und Überflutungen als Folge des Klimawandels, und die Ereignisse 2021 an den Flüssen im Westen Deutschlands mit über 180 Toten und zig Milliarden Schäden geben ihnen leider recht. Auch an der Mangfall gab es in den letzten Jahrzehnten wie in der letzten Stellungnahme geschildert nicht nur das verheerende Hochwasser von 2013, sondern auch mehrere Beinahe-Katastrophen davor und danach.

Umso wichtiger wäre es, die noch verfügbaren Retentionsräume an der Mangfall zu aktivieren, wie es auch das Landesentwicklungsprogramm Bayern und der Regionalplan Südostoberbayern fordern, nach dem Motto "Breitwasser statt Hochwasser".

Stattdessen verlässt man sich im wesentlichen auf höhere Deiche und einen zentralen gesteuerten Polder bei Feldolling, der das Hochwasserschutzniveau um einen Klimawandel-Zuschlag von 15% anheben soll, wie es für Bayern schon 2004 festgelegt wurde. Der Polder darf nur bei starken Hochwassern eingeschaltet werden. Dies gilt allerdings nicht erst bei HQextrem wie in der Abwägung behauptet, sondern bereits ab HQ100 an der Mangfall oder ab HQ100 am Inn und zusätzlich HQ30 an der Mangfall. Die rasche richtige Klassifizierung fällt dem WWA aber schwer, wie nicht nur 2013, sondern auch 2020 deutlich wurde: Nach dem Ereignis war erst von HQ10-20, dann von HQ50 die Rede. Bei fehlerhafter Aktivierung bleibt der Polder ganz oder teilweise unwirksam. Er kann auch wegen seiner relativ großen Entfernung von 25 km weder den lokalen Starkregen z. B. aus dem stark versiegelten Aichergelände, noch die Zuflüsse aus Glonn und Kalten, noch den Rückstau aus dem Inn aufnehmen. Zudem verzögert sich die Polder-Fertigstellung immer mehr; ob der vom WWA zuletzt genannte Termin 2024 gehalten werden kann, ist höchst fraglich. Vorher gibt es auch für Rosenheim kein erhöhtes Schutzniveau, obwohl der Klimawandel längst begonnen hat!

3. Mehr Retentionsraum in Oberwöhr

Das WWA selbst wollte an der Krainstraße einen großen Retentionsraum anlegen, wie aus der Übersicht der Bauabschnitte von 2009 hervorgeht. Nach der Katastrophe von 2013 gab sich das Amt aber dann im Eilverfahren ohne Planfeststellung mit einer geringen Deichrückverlegung zufrieden.

Die damit mögliche Aufweitung der Mangfall wurde aber bisher aus unerfindlichen Gründen nicht realisiert. Bei einem Hochwasser könnte der höhere Wasserspiegel-Anstieg gerade hier fatale Auswirkungen haben, das geplante Neubaugebiet eingeschlossen!

Einen Vorschlag des BN von 2020 zur Nutzung des gesamten Neubaugebiets als zusätzlicher Retentionsraum in Form eines ungesteuerten Polders sah das WWA zunächst als nicht machbar an. Davon ist in der Abwägung keine Rede mehr. Man hält die Lösung jedoch für wenig wirksam, obwohl sie den jetzt möglichen Retentionsraum um ein Vielfaches erweitern würde, und für "unwirtschaftlich". Aus unserer Sicht muss aber die Sicherheit nicht nur für Hab und Gut, sondern auch für Leben und Gesundheit der Bürger absoluten Vorrang vor wirtschaftlichen Erwägungen haben!

Ein zusätzlicher großer Retentionsraum wäre auch ein Gewinn für die Natur. Wenn schon kleinere Hochwasserereignisse Teile der Fläche überfluten, kann sich eine besonders wertvolle Auenlandschaft entwickeln. Solche Gebiete zählen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Laut der speziellen artenschutzrechtlichen Prüfung (saP), müssen sich die im Gebiet nachgewiesenen Zauneidechsen einen Ersatzlebensraum suchen, wie möglicherweise auch andere seltene Tiere. In den geplanten künstlichen Becken zur Wasserspeicherung könnten bei Trockenfall Wassertiere wie Kaulquappen verenden. Insgesamt wird durch eine Gestaltung der Freianlagen auch langfristig nie und nimmer die ökologische Wirkung einer funktionsfähigen Aue erreicht wie in der Abwägung behauptet!

Der BN fordert, dass das Planfeststellungsverfahren für diesen Bauabschnitt 06 endlich zeitnah nachgeholt wird. Die in der Abwägung erwähnte Tatsache, dass es hier in der kurzen Zeit seit den Notmaßnahmen keine Überschwemmung mehr gegeben hat, kann nicht als Beleg für die Sinnhaftigkeit der lokalen Maßnahmen dienen, zumal das Ereignis 2013 seine Ursache in Kolbermoor hatte.

4. Andere Schwachstellen in Rosenheim

Verbesserungen beim Hochwasserschutz in Oberwöhr kämen auch anderen Stadtteilen zugute, die nicht gut genug gegen Mangfall-Hochwasser geschützt sind.

Das gilt insbesondere für die Gebiete hinter den alten Deichen zwischen der Kufsteiner Straße und der Rathausstraße links der Mangfall, sowie zwischen der Kufsteiner Straße und dem Gervaissteg rechts davon. Dort fehlt überall eine tragende Innendichtung; zusätzlich sind die Deiche teilweise nicht hoch genug. Trotz der dichten und hohen Besiedelung auf beiden Seiten und des damit einhergehenden Schadenspotenzials, trotz der erkennbaren Undichtigkeiten beim Hochwasser 2013 gibt es selbst für den ersten der drei Bauabschnitte, mit dessen Realisierung 2021 begonnen werden sollte, keine fertige Planung. Die für 2028 angekündigte Fertigstellung ist somit in Frage zu stellen.

Der Südosten Rosenheims ist zusätzlich dadurch gefährdet, dass der Kaltenrücklaufdeich dringend saniert werden muss. Auch hier ist die Höhe nicht ausreichend.

Eine weitere Schwachstelle ist das Streichwehr am Kraftwerk Kunstmühle II. Ein Rückstau der Mangfall durch den Mangfallkanal über das Wehr in den Mühlbach hätte gravierende Überschwemmungen auch in der Innenstadt zur Folge.